Die 4-Prozent-Regel: Wie viel Kapital brauchst du wirklich?
Die bekannteste Faustregel der FIRE-Bewegung – ihre Herkunft, ihre Mathematik und warum sie für Deutschland angepasst werden muss.
Was die 4-Prozent-Regel besagt
Die 4-Prozent-Regel ist die bekannteste Faustformel zur Berechnung des Kapitals, das du für finanzielle Unabhängigkeit benötigst. Sie besagt: Wenn du jährlich 4 % deines Startkapitals entnimmst und diesen Betrag jedes Jahr an die Inflation anpasst, reicht dein Vermögen mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens 30 Jahre.
Daraus folgt direkt die Berechnung des Zielkapitals: Du brauchst das 25-fache deines Jahresbedarfs (100 geteilt durch 4).
Beispiel: 2.200 €/Monat × 12 × 25 = 660.000 €
Woher die Regel stammt
Die Regel geht auf zwei Arbeiten zurück. 1994 untersuchte der US-Finanzberater William Bengen, welche Entnahmerate historisch sicher gewesen wäre. Er testete Portfolios gegen jede 30-Jahres-Periode der US-Marktgeschichte und fand: 4 % hätten in keinem einzigen Fall zum vorzeitigen Kapitalverzehr geführt.
1998 bestätigte die Trinity Study dreier Professoren der Trinity University dieses Ergebnis mit erweiterten Daten. Bei einem Portfolio aus 50 bis 75 % Aktien überlebte eine 4-Prozent-Entnahme über 30 Jahre in etwa 95 % aller historischen Perioden.
Die Annahmen hinter der Regel
Die Zahl 4 % ist kein Naturgesetz. Sie beruht auf konkreten Annahmen, die du kennen solltest:
- US-amerikanische Marktdaten von etwa 1926 bis 1995 – einer historisch außergewöhnlich erfolgreichen Marktphase.
- Zeithorizont von 30 Jahren. Wer mit 40 aufhört zu arbeiten, plant eher mit 50 Jahren.
- Keine Steuern. Die Studien rechnen brutto.
- Keine Kosten. Fondsgebühren und Transaktionskosten sind nicht enthalten.
- Starre Entnahme. Der Betrag wird unabhängig von der Marktlage entnommen.
Warum 4 % für Deutschland zu optimistisch sind
Drei Faktoren machen die Rechnung hierzulande schwieriger:
1. Abgeltungsteuer
Auf Kapitalerträge fallen 25 % Abgeltungsteuer plus 5,5 % Solidaritätszuschlag an, zusammen 26,375 % (zuzüglich Kirchensteuer, falls zutreffend). Bei Aktien-ETFs mildert die Teilfreistellung von 30 % nach § 20 InvStG die Belastung, aber netto bleibt spürbar weniger übrig. Details dazu im Artikel ETF-Besteuerung.
2. Krankenversicherung
Wer vorzeitig aus dem Berufsleben aussteigt, muss sich freiwillig gesetzlich oder privat versichern. Für freiwillig gesetzlich Versicherte gilt ein Mindestbeitrag, und Kapitalerträge werden auf die Beitragsbemessung angerechnet. Das ist ein Kostenblock, den US-Blogs nicht kennen.
3. Längerer Zeithorizont
Die 4-Prozent-Regel gilt für 30 Jahre. Bei einem Ausstieg mit 45 und einer Lebenserwartung von 90 Jahren sprichst du über 45 Jahre – das erhöht das Pleiterisiko deutlich.
Zielkapital nach Entnahmerate
So verändert sich das benötigte Kapital bei einem Nettobedarf von 2.200 € monatlich:
| Entnahmerate | Faktor | Zielkapital | Einordnung |
|---|---|---|---|
| 4,0 % | 25× | 660.000 € | Klassisch, 30 Jahre |
| 3,5 % | 29× | 754.000 € | Ausgewogen, 35–40 Jahre |
| 3,0 % | 33× | 880.000 € | Konservativ, 50+ Jahre |
| 2,5 % | 40× | 1.056.000 € | Sehr sicher |
Das Sequenzrisiko
Der gefährlichste Faktor beim Kapitalverzehr heißt Sequence of Returns Risk. Entscheidend ist nicht nur, wie hoch die durchschnittliche Rendite ist, sondern wann gute und schlechte Jahre auftreten.
Fällt der Markt in den ersten Ruhestandsjahren stark, entnimmst du aus einem geschrumpften Portfolio – prozentual also deutlich mehr als geplant. Das Portfolio kann sich davon oft nicht mehr erholen, selbst wenn die Durchschnittsrendite über die gesamte Laufzeit stimmt. Genau dieses Risiko lässt sich mit einer Monte-Carlo-Simulation sichtbar machen.
Was Bengen selbst später sagte
Bemerkenswert: Der Urheber der Regel hat seine eigene Zahl später mehrfach revidiert. In späteren Arbeiten kam Bengen bei breiterer Diversifikation (unter anderem mit Small Caps) auf höhere sichere Raten. Gleichzeitig betonte er, dass 4 % nie als starre Regel gedacht war, sondern als Untergrenze für den historisch schlechtesten Startzeitpunkt.
Das ist ein wichtiger Punkt: Die 4 % beschreiben nicht den Normalfall, sondern den Worst Case der untersuchten Perioden. In den meisten historischen Szenarien wäre deutlich mehr möglich gewesen – das Portfolio wuchs oft sogar weiter. Die Regel ist also konservativ konstruiert, aber eben nur bezogen auf die untersuchte Datenbasis.
Flexibilität schlägt Präzision
Die größte Schwäche der starren 4-Prozent-Entnahme ist ihre Unbeweglichkeit. Ein realer Mensch wird nach einem Börsencrash von 40 % kaum unbeirrt weiter denselben Betrag entnehmen – er wird Ausgaben verschieben, den Urlaub kürzen oder zeitweise etwas dazuverdienen.
Genau diese Flexibilität ist mehr wert als jede Nachkommastelle bei der Entnahmerate. Studien zu dynamischen Strategien zeigen, dass schon eine temporäre Kürzung um 10 % in schlechten Jahren die Erfolgswahrscheinlichkeit deutlich erhöht – oft stärker als eine pauschal niedrigere Startrate.
Die gesetzliche Rente nicht vergessen
Viele FIRE-Rechnungen ignorieren die spätere gesetzliche Rente komplett. Das ist zu konservativ. Wer 15 oder 20 Jahre eingezahlt hat, erhält ab Regelaltersgrenze eine Zahlung, die den Kapitalbedarf ab diesem Zeitpunkt reduziert.
Praktisch bedeutet das: Du brauchst dein Portfolio in voller Höhe nur für die Überbrückungsphase zwischen Ausstieg und Rentenbeginn. Danach sinkt der Entnahmebedarf. Deine persönliche Rentenerwartung findest du in der jährlichen Renteninformation der Deutschen Rentenversicherung – beachte dabei, dass der ausgewiesene Betrag auf fortgesetzter Einzahlung beruht.
Häufige Denkfehler
- Bruttobetrag mit Nettobedarf verwechseln. Das Zielkapital muss auf der Bruttoentnahme basieren, sonst fehlt die Steuer.
- Einmalausgaben vergessen. Auto, Dach, Heizung – solche Posten tauchen in keiner Monatsrechnung auf, kommen aber verlässlich.
- Mit nominalen Renditen rechnen. 7 % nominal sind bei 2 % Inflation real nur etwa 4,9 %. Wer nominal rechnet und real entnimmt, verrechnet sich systematisch.
- Krankenversicherung auslassen. Ein dauerhafter, nicht verhandelbarer Kostenblock.
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