Sichere Entnahmerate: Wie viel darfst du monatlich entnehmen?
Von der starren 4-Prozent-Entnahme über Guardrails bis zur dynamischen Anpassung – welche Strategie zu welchem Ruhestand passt.
Was eine Entnahmerate ist
Die Entnahmerate (englisch Safe Withdrawal Rate, SWR) gibt an, welchen Anteil deines Vermögens du jährlich entnehmen kannst, ohne dass es vorzeitig aufgebraucht ist. Sie ist die zentrale Stellschraube der Ruhestandsplanung – und die am häufigsten unterschätzte.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen nominal und real. Eine sinnvolle Entnahmeplanung rechnet immer in heutiger Kaufkraft: Wenn du heute 2.200 € monatlich brauchst, musst du in 20 Jahren nominal deutlich mehr entnehmen, um denselben Lebensstandard zu halten.
2.200 € heute = 3.268 € in 20 Jahren = 3.972 € in 30 Jahren
Starre Entnahme
Die klassische Variante: Du legst im ersten Jahr einen Betrag fest und erhöhst ihn jedes Jahr um die Inflationsrate – unabhängig davon, wie sich der Markt entwickelt.
Vorteil: Planbarkeit. Du weißt immer, wie viel dir zur Verfügung steht.
Nachteil: Kein Schutz gegen schlechte Marktphasen. Nach einem Crash entnimmst
du prozentual deutlich mehr und beschleunigst den Kapitalverzehr.
Dynamische Strategien
Guardrails (Leitplanken)
Du definierst Ober- und Untergrenzen. Steigt dein Portfolio deutlich, erhöhst du die Entnahme; fällt es unter eine Schwelle, kürzt du zeitweise – typischerweise um 10 bis 20 %. Diese Flexibilität erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit erheblich, weil du in Krisen weniger Substanz verbrauchst.
Konstante prozentuale Entnahme
Du entnimmst jedes Jahr einen festen Prozentsatz des aktuellen Portfoliowerts. Damit kann dein Kapital rechnerisch nie auf null fallen. Der Preis: Deine monatlich verfügbare Summe schwankt stark mit dem Markt – nach einem Crash von 40 % hast du 40 % weniger zum Leben.
Variable Percentage Withdrawal (VPW)
Der Entnahmeprozentsatz steigt mit zunehmendem Alter, weil die verbleibende Laufzeit kürzer wird. Mathematisch ähnlich einer Annuität. Effizient in der Kapitalnutzung, erfordert aber die Bereitschaft zu schwankenden Entnahmen.
Das Sequenzrisiko im Detail
Zwei Ruheständler mit identischer Durchschnittsrendite über 30 Jahre können völlig unterschiedlich enden – abhängig allein von der Reihenfolge der Renditen.
Wer in den ersten fünf Jahren einen schweren Bärenmarkt erlebt und gleichzeitig entnimmt, verkauft Anteile zu niedrigen Kursen. Diese Anteile fehlen dauerhaft und können an der späteren Erholung nicht mehr teilnehmen. Fachleute nennen die Jahre um den Ruhestandsbeginn deshalb die kritische Dekade.
Steuern richtig einrechnen
Deine Entnahmerate bezieht sich auf den Bruttobetrag, den du aus dem Portfolio nimmst. Was bei dir ankommt, ist weniger. Die Umrechnung:
Beispiel: 2.200 € ÷ (1 − 0,26375 × 0,70) = 2.820 € brutto
Bei einem Aktien-ETF mit 30 % Teilfreistellung liegt die effektive Steuerlast bei rund 18,5 % statt 26,375 %. Der Sparerpauschbetrag von 1.000 € jährlich (2.000 € bei Zusammenveranlagung) reduziert die Belastung zusätzlich, fällt bei größeren Depots aber kaum ins Gewicht.
Welche Rate ist die richtige?
| Rate | Horizont | Einordnung |
|---|---|---|
| 4,0 % | ~30 Jahre | Historisch solide, aber ohne Steuerpuffer |
| 3,5 % | 35–40 Jahre | Guter Kompromiss für frühen Ausstieg |
| 3,0 % | 50+ Jahre | Sehr robust, auch bei schwachen Märkten |
Statt dich auf eine pauschale Zahl zu verlassen, lohnt es sich, die eigene Situation mit Volatilität, Steuern und Zeithorizont durchzurechnen. Genau dafür ist FiSim gebaut.
Die gesetzliche Rente einrechnen
Eine Entnahmeplanung, die die spätere gesetzliche Rente ignoriert, überschätzt den Kapitalbedarf erheblich. Sinnvoller ist eine zweiphasige Betrachtung:
- Phase 1 – Überbrückung: Vom Ausstieg bis zum Rentenbeginn trägt das Portfolio die vollen Ausgaben. Hier ist die Entnahmerate hoch und das Sequenzrisiko am größten.
- Phase 2 – ab Rentenbeginn: Die gesetzliche Rente deckt einen Teil der Ausgaben. Der Entnahmebedarf aus dem Portfolio sinkt entsprechend.
Wer mit 50 aussteigt und mit 67 Rente bezieht, muss also 17 Jahre voll überbrücken – danach reicht ein kleinerer Entnahmebetrag. Das reduziert das benötigte Zielkapital spürbar gegenüber einer Rechnung, die 40 Jahre volle Entnahme unterstellt.
Reihenfolge der Entnahme
Aus welchem Topf du zuerst entnimmst, hat steuerliche und strategische Folgen:
- Cash-Puffer zuerst in Crashphasen – so vermeidest du Verkäufe zu gedrückten Kursen.
- Rebalancing nutzen: Entnimm aus der Anlageklasse, die über ihrer Zielgewichtung liegt. So kombinierst du Entnahme und Rebalancing in einem Schritt und sparst Transaktionskosten.
- Sparerpauschbetrag ausschöpfen: Realisiere jährlich Gewinne bis zur Höhe des Freibetrags, auch wenn du das Geld nicht brauchst.
Wie viel Sicherheit ist genug?
Eine Erfolgswahrscheinlichkeit von 100 % ist weder erreichbar noch sinnvoll. Wer auf absolute Sicherheit optimiert, arbeitet Jahre länger als nötig und verbraucht Lebenszeit für einen Risikopuffer, der statistisch kaum je gebraucht wird.
| Überlebensrate | Einordnung |
|---|---|
| über 95 % | Sehr konservativ – ggf. wird zu lange gearbeitet |
| 85–95 % | Solider Bereich für die meisten Situationen |
| 70–85 % | Nur mit Flexibilität bei den Ausgaben vertretbar |
| unter 70 % | Zu riskant – Entnahme senken oder länger sparen |
Entscheidend ist der Kontext: Wer jederzeit wieder arbeiten könnte, kann ein höheres Risiko eingehen als jemand, für den ein Wiedereinstieg realistisch ausgeschlossen ist.
Die häufigsten Fehler
- Mit Durchschnittsrenditen planen. Ein Rechner mit fester Rendite verschweigt das Sequenzrisiko vollständig.
- Inflation vergessen. Über 30 Jahre halbiert 2 % Inflation die Kaufkraft nahezu.
- Steuern erst am Ende addieren. Sie gehören in die Bruttoentnahme.
- Kein Puffer für Einmalausgaben. Zahnersatz, Auto, Renovierung.
Rechne es für deine Situation durch
FiSim simuliert deinen Weg zur finanziellen Unabhängigkeit mit Monte-Carlo-Verfahren, deutschem Steuerrecht und Immobilien – kostenlos und ohne Anmeldung.
FiSim öffnen